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Zur Geschichte des Karl-Liebknecht-Hauses

Nur wenige Orte in Berlin können so wie das Karl-Liebknecht-Haus und der Rosa-Luxemburg-Platz als Zeugen des wechselvollen 20. Jahrhunderts gelten.

Die Erinnerung an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die beiden Vertreter demokratisch-sozialistischen Denkens, die im Januar 1919 von rechten Freikorpssoldaten ermordet wurden, hat das "Jahrhundert der Extreme" überdauert.

Der Rosa-Luxemburg-Platz befindet sich am Rand des Scheunenviertels. Ende des 17. Jahrhunderts waren hier - außerhalb der Stadtmauern - Lagerstätten für brennbare Materialien errichtet worden. Später wurde das Areal zu einer Wohngegend, in der vor allem kleine Handwerker sowie Arbeiterinnen und Arbeiter lebten. Zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts entstand im Scheunenviertel ein Quartier, das von sehr armen jüdischen Familien geprägt wurde, die Russland und Polen aus extremer wirtschaftlicher Not oder auf der Flucht vor Pogromen verlassen hatten.

Im Zuge der großflächigen Umgestaltung der Innenstadt, für die bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Planungen begannen, hatte die Stadt Berlin die Herstellung einer direkten Straßenverbindung zwischen dem Stadtzentrum und den nordöstlichen Vororten vorgesehen. Doch erst mit dem Bau der U-Bahn ab 1906 begannen die Abrissarbeiten, in deren Folge immer mehr die Bewohnerinnen und Bewohner des Scheunenviertels aus ihrem Quartier verdrängt wurden. Der neue »Babelsberger Platz« wurde 1908 fertiggestellt. Wegen der wirtschaftlichen Krise vor dem Ersten Weltkrieg ließ die Neubebauung lange auf sich warten. Seit 1913/1914 dominiert die von Oskar Kaufmann entworfene Volksbühne den Platz. Doch erst 1927 wurden die von Hans Poelzig entworfenen Wohn- und Geschäftsbauten gegenüber dem Karl-Liebknecht-Haus errichtet, die bis heute Zeugnisse einer vom Bauhaus inspirierten Architektur der Moderne sind.

Das heutige Karl-Liebknecht-Haus war das erste Gebäude am Platz, der 1910 nach dem vormaligen Reichskanzler Bernhard von Bülow benannt wurde. Der Inhaber der »Berliner Türschliesser Fabrik« Rudolf Werth ließ 1912 ein Fabrik- und Geschäftshaus, eine sogenannte Etagenfabrik, mit vier Stockwerken errichten. Die moderne Stahlskelettbauweise ermöglichte eine flexible, den unterschiedlichen Bedürfnissen angepasste Gestaltung der Grundrisse in den einzelnen Etagen. Neben der Fabrik des Eigentümers gab es in dem Gebäude, das zu dieser Zeit »Adler-Haus« hieß, mehrere kleinere Unternehmen, die u.a. Textilien, Essenzen, Konserven u.a. herstellten.

Bis 1926 hatte die 1918 gegründete KPD ihren Sitz am Hackeschen Markt, in der Rosenthaler Straße 38.

1926 erwarb die parteieigene Firma Bürohaus Vulkan GmbH im Auftrag des Zentralkomitees der KPD das Geschäftshaus am Bülowplatz und ließ es für die Zwecke der Partei umbauen: Von November 1926 bis Januar 1933 war das Karl-Liebknecht-Haus Sitz der KPD, an deren Spitze seit 1925 Ernst Thälmann stand. Das Arbeitszimmer Thälmanns befand sich wahrscheinlich im 4. Stock im Gebäudeteil an der Weydingerstraße.

Im Karl-Liebknecht-Haus arbeiteten die Führungsgremien der KPD und die Leitungen der mit ihr verbundenen Massenorganisationen, so des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD) und des Rotfrontkämpferbundes (RFB), aber zum Beispiel auch die Leitung der KPD-Bezirksorganisation Berlin-Brandenburg-Grenzmark-Lausitz. Die Redaktion des Zentralorgans der Partei »Die Rote Fahne« hatte hier ebenso ihre Räume wie verschiedene parteieigene Verlage und die City-Druckerei. Im Erdgeschoss befanden sich eine Buchhandlung und zeitweise ein Geschäft für Ausrüstungsgegenstände des RFB. An der Fassade des Gebäudes waren stets weithin sichtbar politische Losungen angebracht.

Das Karl-Liebknecht-Haus verkörperte ebenso den Aufstieg der KPD zur Massenpartei, die die Hoffnungen vieler Menschen auf eine sozial gerechte Gesellschaft verkörperte, wie das Elend einer zunehmend stalinistischen, bürokratisierten Kaderpartei, die mit ihrem Antisozialdemokratismus die Spaltung und Niederlage der Arbeiterbewegung und das Ende der Weimarer Republik mitzuverantworten hatte.

Die KPD-Zentrale, die sich am Rande der Bannmeile, die den Reichstag und die Reichsregierung vor Demonstrationen abschirmen sollte, befand, war den Regierenden von Anfang an ein Dorn im Auge. In der Kaserne in der Alexanderstraße wurden eigens Einheiten der Schutzpolizei stationiert, deren einzige Aufgabe es war, das Karl-Liebknecht-Haus »unter Kontrolle« zu halten: Es waren stets nur kurze Wege, um Razzien im Karl-Liebknecht-Haus durchzuführen oder auf dem Bülowplatz Versammlungen aufzulösen.

Am 22. Januar 1933, wenige Tage vor der Machtübergabe an Hitler und seine Bande, kam es auf dem Bülowplatz zur bis dahin größten Provokation gegen die KPD und ihre Anhängeren: Zehntausend Faschisten marschierten vor dem Karl-Liebknecht-Haus unter massivem Polizeischutz auf. Drei Tage später antwortete die KPD mit einer der größten Kundgebungen ihrer Geschichte: Mehr als 130.000 Menschen – Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Antifaschisten – demonstrierten bei großer Kälte stundenlang vor dem Karl-Liebknecht-Haus.

Am 23. Februar 1933 besetzten Polizei und SA endgültig die KPD-Zentrale. Nach der Reichstagsbrandprovokation am 27. Februar 1933 wurde das Haus am 1. März 1933 geschlossen, auf dem Dach wurde die Hakenkreuzfahne aufgezogen. Wenige Tage später wurde das Haus nach Horst Wessel benannt, einem 1930 getöteten SA-Mann, der später von den Nazis zum »Blutzeugen der Bewegung« stilisiert wurde. Zunächst brachte hier die politische Polizei, symbolhaft und zynisch, ihre neu gegründete Abteilung zur Bekämpfung des Bolschewismus unter. Nazigegner und aus rassistischen Gründen verhaftete Jüdinnen und Juden aus der unmittelbaren Nachbarschaft wurden hier in einem »wilden KZ« der SA verhört und misshandelt. 1934 ließ der preußische Staat das Gebäude zu einem Behördensitz umbauen. Ministerpräsident Hermann Göring übergab das renovierte Haus im November 1935 der Preußischen Finanzverwaltung. 1937 zog die SA-Führung der Gruppe Berlin-Brandenburg in das Haus ein, im Foyerbereich des Eingangs an der Weydingerstraße entstand eine Kultstätte für Horst Wessel.

Im Zuge der damit verbundenen Neugestaltung des Platzes wurde zwischen 1934 und 1936 die mittlere Vorfläche des Platzes vollflächig mit einem Raster von Mosaikpflaster und Granitplatten gepflastert. Die seitlichen Freiflächen am Theater wurden mit jeweils 60 Linden bepflanzt. An der Ostseite wurde ein Denkmal für die »gefallenen« Berliner SA-Männer und an der Westseite ein Denkmal für die Polizisten Paul Anlauf und Franz Lenck aufgestellt, die am 9. August 1931 von einem Mitglied des Parteiselbstschutzes der KPD auf dem damaligen Bülowplatz erschossen worden waren.

Im April 1945 kehrte der Zweite Weltkrieg an seinen Ausgangspunkt zurück. In den letzten Kriegstagen wurde auch die frühere KPD-Zentrale weitgehend zerstört, die tragende Konstruktion blieb jedoch im Wesentlichen erhalten. Unmittelbar nach Kriegsende wurde der Platz zunächst in Liebknechtplatz umbenannt, 1947 durch Oberbürgermeisterin Louise Schroeder (SPD) dann in Luxemburgplatz. 1969 erhielt er den Namen Rosa-Luxemburg-Platz.

Auf Befehl des Chefs der Sowjetischen Militäradministration wurde das schwer beschädigte Haus 1948 der SED zurückgegeben, die 1946 durch die Vereinigung von KPD und SPD im Ostteil Deutschlands entstanden war. Die Führung der SED beauftragte den Architekten Hans Schlüter, das Haus als Büro- und Gästehaus zu rekonstruieren. Schlüters erste Entwürfe datieren vom Dezember 1948: Die Fassade sollte sich am zerstörten Bestand orientieren und damit an die Formtraditionen der Moderne anknüpfen. Doch die Auftraggeber entschieden sich für eine konservative, neoklassizistische Lösung.

Seit Ende der fünfziger Jahre nutzte das Institut für Marxismus-Leninismus den größten Teil des Gebäudes. Daneben befanden sich im Haus die Dachgesellschaft der SED zur vermögensrechtlichen Verwaltung von Partei- und Wohnhäusern, Schulen und Grundstücken sowie der Verlag für Agitations- und Anschauungsmittel.

In der kommunistischen Traditionspflege der SED spielte das Karl-Liebknecht-Haus eine eher untergeordnete Rolle. Seit 1952 würdigt eine Gedenktafel Ernst Thälmann als Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands, eine andere Tafel erinnert seit 1987 daran, dass sich hier der Sitz des ZK der KPD befand. Erst 1981 wurde im Erdgeschoss eine Thälmann-Gedenkstätte eingerichtet. Sie war als größte der fast 150 Thälmann-Gedenkstätten der DDR ein zentraler Ort der Thälmann-Verehrung- und -Verklärung.

Seit 1977 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Nach dem Ende des Staatssozialismus in der DDR beschloss die im Dezember 1989 aus der SED hervorgegangene PDS im Februar 1990, sich von den Symbolen einer längst entschwundenen Macht zu verabschieden und ihren Sitz in das Karl-Liebknecht-Haus zu verlegen. Seit Mai 1990 hatten Parteivorstand und Bundesgeschäftsstelle der PDS hier ihren Sitz.

Nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 blieb die Frage des Parteieigentums der PDS, und damit auch die Frage nach den Eigentumsrechten am Karl-Liebknecht-Haus, zunächst offen. Deshalb kam es in den folgenden Jahren immer wieder zu Hausdurchsuchungen und Besetzungen durch die Polizei. Zeitweise war das Haus der Verfügung durch die Partei entzogen. Erst mit dem am 16. Juni 1995 geschlossenen Vergleich mit der Treuhandanstalt zu allen offenen Vermögensfragen wurde das Haus der PDS uneingeschränkt zurückgegeben.

Seit Gründung der Partei DIE LINKE am 16. Juni 2007 sind Parteivorstand und Bundesgeschäftsstelle der neuen Partei im Karl-Liebknecht-Haus beheimatet. Auch die Landesgeschäftsstelle der LINKEN Berlin und die Bezirksgeschäftsstelle der LINKEN Berlin-Mitte haben hier ihre Büros. Der Jugendverband linksjugend [’solid] und der Studierendenverband DIE LINKE.SDS sind ebenfalls im Karl-Liebknecht-Haus eingezogen. Ein Teil des Gebäudes ist als Bürohaus vermietet. Mit Besucherzentrum, Buchladen sowie einem kleinen, aber funktionalen Konferenzzentrum verfügt das Karl-Liebknecht-Haus über die notwendigen Voraussetzungen für eine moderne Parteizentrale.

Der neu gestaltete große Veranstaltungssaal trägt den Namen Rosa Luxemburgs.

Haus und Platz sind Zeugen der widersprüchlichen Geschichte des 20. Jahrhunderts, auch des Scheiterns des Sozialismus in der DDR. Gerade deshalb bleibt das politische Erbe von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ein wichtiger Bezugspunkt für DIE LINKE. Kein Sozialismus ohne Demokratie!

Lesetipp

Ronald Friedmann

Die Zentrale. Geschichte des Berliner Karl-Liebknecht-Hauses

Karl Dietz Verlag
Berlin 2011
160 Seiten, Paperback
ISBN-10: 3320022547

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